Wie ich an einem Tag zweimal den Blob sah
Am Wochenende habe ich eines der wahrscheinlich postmodernsten Vergnügen in unserem frühen 21. Jahrhundert genossen: Originalfilm und Remake an einem Abend gesehen. Zuerst Der Blob – Schrecken ohne Namen (1958), dann Der Blob (1988). Beide Filme haben die gleiche Handlung: Ein geheimnisvoller Schleim fällt vom Himmel und bedroht eine amerikanische Kleinstadt. Nach und nach absorbiert das Monster die Einwohner, bis ein paar Jugendliche seine Schwachstelle entdecken: Kälte. Was für ein Glück für den Blob, dass er nicht wie Das Ding aus einer anderen Welt in der Antarktis niederging.
Der Sprung in 30 Jahren SF-Monsterfilmgeschichte ist beachtlich. 1958 ist das Monster ein großer roter langsamer Wackelpudding, 1988 eine fiese fleischige tentakulöse Masse, die ihre Opfer grausig-detailliert verdaut. Im Original beschränkt sich die weibliche Hauptrolle auf gelegentliche Aufschreie „Oh, was ist mit dem niedlichen Hündchen passiert!?“, in den toughen Achtzigern erkennt die Heldin sogar die Schwachstelle des Schleimschreckens. Die Fünfziger-Version zeigt keinen einzigen Afroamerikaner, die neuere hat sogar fast zwei tragende Rollen, die von Schwarzen gespielt werden. Der Blob von ’88 schockt richtig, auch potentielle Hauptfiguren fallen dem Schleim zum Opfer. Der 1958er Blob ist eine traurige Schleimkugel, die wohl von Sethelfern ins Bild gerollt wurde. Einzig Hauptdarsteller Steve MacQueen toppt (trotz Teenagerrolle mit 28 Jahren) den Teenie-Rebellen Kevin Dillon mit Rockermatte.
Rot gleich tot
Besonders fallen die politischen Untertöne auf. Im Original bedroht eine rote Masse anständige Amerikaner, absorbiert sie und ersetzt Freiheit durch Absorption. Erst eine generationenübergreifende Zusammenarbeit der eigentlich gar nicht so rebellischen Jugendlichen mit Schuldirektor und Kriegsveteranen-Polizisten kann die Bestie aufhalten. Das Alien war hier, wie so oft im SF der Fünfziger, ein Kommi – wenn nicht sogar die Idee des Kommunismus persönlich. Dagegen entpuppt sich der Blob in der Perestroika-Phase als größenwahnsinniges Biowaffenprojekt, mit dem das Land of the Free den endgültigen Rüstungsvorsprung gegenüber den Sowjets erringen will. Die Zeitenwende innerhalb des kalten Kriegs wird treffend illustriert. Ende der Achtziger war das sieche Arbeiterreich zumindest in Hollywood immer seltener das Reich des Bösen. Beide Filme zeigen den Wandel von den kommunismusparanoiden Fünfzigern in die staatsmisstrauischen Achtziger.
Dachte ich. Dann griff ich zum Lexikon des Science-Fiction-Films von Reclam und lese im Artikel von Andreas Friedrich über den Original-Blob vom „ironische Grundprinzip des Films“. Und bin geschockt, weit mehr als der rote Kommi-Schleim das zustande gebracht hat. Habe ich die Ironie übersehen? Das wäre doch peinlich, schließlich verstehen nur dumme Menschen keine Ironie. Oder hält der Reclam-Autor die billige Machart des Low-Budget-Films für Ironie?
Schlecht oder ironisch? Beides?
Dabei schien mir klar, dass die Marmeladenmasse des Originalblobs mit wenig Geld und viel Enthusiasmus zu erklären ist. Ohne Knete muss halt ein Wackelpudding als Monster herhalten. Dafür sprechen auch Katastrophenszenen, in denen Feuerwehrleute und Polizisten vor schwarzem Hintergrund die Handlung dialogisch erzählen: „Es hat das ganze Gebäude umschlungen! Und jetzt bricht auch noch ein Feuer aus!“ „Wir können nicht nah rangehen, es ist zu heiß!“ Auch die Verbindung der Filmemacher zum antikommunistisch-evangelikalen Netzwerk The Family spricht eine klare Sprache. Passt doch, dass in meiner Vorstellung der Fünfziger Ironie eigentlich kaum vorkommt.
Die Zuschreibung von Trash als Ironie ist dagegen ein typisches Rezeptionsphänomen seit den Achtzigern. Ganz nach dem Gedanken: „Der Film ist so schlecht aber Tausende haben ihn sich angesehen. Den kann keiner ernst genommen haben, also ist er auch nicht ernst gemeint.“ Die Wahrnehmung ändert den Gehalt des Films. Monsterfilmfans sehen den Blob ganz anders als Feuilletonisten. Man kann sich in der Tat kaum vorstellen, dass ein Film wie Der Blob – Schrecken ohne Namen auch ohne den dämlichen deutschen Untertitel ernst gemeint sein soll. Viele Filme vergangener Jahrzehnte kann ein abgeklärter Cineast nur noch aus filmhistorischen Interesse oder „ironisch“ sehen. Mittlerweile ist die ironische Grundhaltung fast die Standardsichtweise. Die Vorstellung, den Blob ernst zu nehmen ist so naiv, dass sie nicht einmal als Möglichkeit in Betracht gezogen wird. Treibt man diese Entwicklung auf die Spitze, werden wohl künftige Generationen den „Triumph des Willens“ für ironisch halten: Wie kann man einen so übertriebenen Film mit total unrealistischer Ästhetik und dermaßen grotesken Aussagen ernst nehmen?
Tl;dr
Wir leben in einem Zeitalter der Ironie, das es zunehmend schwieriger macht, Bullshit auch als solchen zu erkennen. Gemerkt hab ich das, als ich den Blob-Film und sein Remake gesehen habe.
Nebenbemerkung
Der Blob – Schrecken ohne Namen: 1958. Der Blob: 1988. Aufgrund numerologischer Mystik und allgemeinem Nerdtum fordere ich ein Remake 2018.
Bonusmaterial
Der Blob-Trailer aus den wilden Fünfzigern auf deutsch (in mieser Qualität)
Der Blob-Trailer aus den hart rockenden Achtzigern (“Terror has no shape …”)

Nein, ich bin nicht unter die Leichenhändler gegangen oder Wurstwarenfachverkäufer geworden. Ich habe einfach nur einen weiteren Monsterfilm in der hiesigen Top Ten Videothek ausgeliehen.
Und wieder ein neuer Eintrag in der epochalen Reihe Monsterfilmkritiken … obwohl – geht es in The Signal überhaupt um Monster? Der Film beginnt mit einem merkwürdigen Störsignal, das von Fernsehern, Handys und anderen elektronischen Geräten ausgestrahlt wird. Mya kommt gerade von einem Schäferstündchen mit ihrem Geliebten Ben zurück und muss miterleben, wie die Menschen um sie herum (auch ihr eigener Mann) immer seltsamer werden. Paranoia, Schizophrenie und schließlich mörderischer Wahnsinn greifen um sich. Innerhalb weniger Stunden greifen Leute zu Baseballschlägern, Heckenscheren und Akkuschraubern (!!!), um ihren Nächsten das Lebenslicht auszublasen. Der erste Teil (Regie David Bruckner) führt uns in diese mörderische Apokalypse, in der der Mensch des Menschen Wolf ist. Im zweiten Teil (Regie Dan Bush) wird man Zeuge einer blutigen Sylvesterparty, auf der Myas Mann Lewis auftaucht. Im dritten Teil (Jacob Gentry) kommt es zur Flucht von der “Party” zum Terminal 13, an dem Mya auf Ben warten wollte. Alle Teile sind blutig, beklemmend und – brilliant.


